„Menschen denen Unrecht geschieht fühle ich mich verbunden“
„Wallraffen“ – dieser Begriff bedeutet im Schwedischen „verdeckte Recherche“. Mittlerweile ist „wallraffen“ zum Inbegriff des investigativen Journalismus geworden, in Anlehnung an den Schriftsteller Günter Wallraff. Etliche Missstände in Firmen und Betrieben hat der heute 69-jährige Enthüllungsjournalist aufgedeckt. Regelmäßig hält er der Gesellschaft einen Spiegel vor, wenn er die Ergebnisse seiner „undercover“-Recherchen präsentiert. Sein Dokumentarfilm „Schwarz auf Weiß“ wurde vom New York Festival mit der höchsten Auszeichnung, der Gold World Medal, in der Sektion Investigativer Report ausgezeichnet. Daniela Trauthwein besuchte den Schriftsteller zu Hause in Köln und sprach mit ihm über Rollentausch, Diskriminierung und Aufklärung.
Herr Wallraff, ich wundere mich immer darüber, dass Sie nicht erkannt werden, wenn Sie undercover arbeiten.
Günter Wallraff: In meiner letzten Rolle als Schwarzer, das war in Magdeburg, wurde ich bei einer Testfahrt von einem Autohändler erkannt. Mich in einen Schwarzen zu verwandeln war sehr aufwendig und da dachte ich schon, dass die ganze Arbeit umsonst war, wenn ich schon am ersten Tag aufflog. Es war aber nicht mein Outfit, das mich verriet, sondern dieser Mann erkannte mich an meiner Stimme. Ansonsten hatte ich Glück, denn die volle Haarpracht und die dunkle Hautfarbe ließen mich auch zehn Jahre jünger aussehen. Es liegt wohl auch daran, dass wir die Menschen doch sehr oberflächlich wahrnehmen, aufgrund ihres Berufs, ihrer Kleidung etc. Als Einzelner in der Menge dagegen geht man leicht unter. Jetzt bin ich kurz davor wieder in einer neuen Rolle abzutauchen. Die Vorbereitungen sind am Laufen, doch ich kann – wie Sie verstehen werden – nichts Näheres dazu verraten.
Sie haben ja damit recht früh angefangen, in andere Rollen zu schlüpfen …
Ja, aber aus reiner Notwendigkeit heraus, das war kein Selbstzweck. Bei meinen ersten Reportagen habe ich unter meinem richtigen Namen gearbeitet und unter Pseudonym „Günter Wallmann“ veröffentlicht. Durch meine zunehmende Bekanntheit musste ich mir dann aber andere Identitäten zulegen und mein Äußeres verändern. Es gab Steckbriefe von mir – der sogenannte „Unternehmerwarndienst“ – in denen vor meiner Einstellung gewarnt wurde .
Wie entstehen die Ideen zu den Rollen?
Das ist ganz unterschiedlich. Einige Rollen wachsen über Jahre. Die Rolle des türkischen Arbeiters Ali hatte ich schon 14 Jahre vorher einmal versucht. Die Rolle als Schwarzer hatte ich 20 Jahre vor mir her geschoben. Andere Rollen entstehen ganz spontan, indem z. B jemand auf mich zukommt und mich auf einen Missstand aufmerksam macht. Ich bekomme wöchentlich mehrere Dutzend erschütternde Fälle geschildert, meistens in Form von Hilferufen. Dann gibt es auch Menschen, die mit ganz konkreten Ideen an mich herantreten und mir Betriebe nennen, die ich mal genauer unter die Lupe nehmen sollte.
Wie können Sie das denn alles bewältigen?
Sie haben Recht, das ist mittlerweile schon etwas viel geworden. Aus diesem Grund habe ich meine Stiftung erweitert und einiges von meinem Honorar hineingesteckt. Ich werde hier nebenan auch ein Büro eröffnen wo Mitarbeiter den vielen Anfragen nachgehen werden.
Wallraffs Handy klingelt – eine Journalistenanfrage. Das Interieur unseres Gesprächsraums nimmt mich gefangen: Skulpturen aus glatten Steinen auf Metallstäben – Wallraff hat sie selbst angefertigt, wie er mir später verrät –, stapelweise Bücher, die auf ein Bücherregal warten, Figuren in afrikanischem Stil – gemütlich ist es hier, in diesem romantischen Kölner Hinterhof. „Wo waren wir stehengeblieben?“, lacht mich mein Interviewpartner an …
Wenn Sie in eine neue Rolle schlüpfen, nehmen Sie ja immer in Kauf körperlichen Schaden davonzutragen …
… Och, ich bin Ausdauersportler (lacht) und kann einiges aushalten. Ich kann mich ganz gut in andere Menschen hineinfühlen. Und Menschen denen ein gewaltiges Umrecht geschieht fühle ich mich verbunden, dafür nehme ich auch etwas in Kauf. Mittlereile erfahre ich eine Akzeptanz, die mich in gewisser Weise auch verpflichtet. Die ewige Ruhe wird mir noch lange genug beschieden sein, von daher kann ich auch mal etwas riskieren. Wenn ich eine Rolle spiele, bin ich ganz in der Rolle drin. Ich denke dann an diejenigen, die das tagtäglich erdulden müssen und nicht aus ihrer Haut raus können. Das spornt mich an, diese Umstände öffentlich zu machen. Es ist für mich auch eine spielerische Tätigkeit. Ich spiele für mein Leben gern und in Ausnahmesituationen kann es auch einmal vorkommen, dass ich mein Leben aufs Spiel setze.
Was sagt Ihre Familie dazu?
Oh jeh (lacht) … eigentlich müsste ich zölibatär leben. Ich bin nun schon zum dritten Mal glücklich verheiratet … es sind starke Frauen, die mich so kennengelernt haben …
Das Telefon klingelt erneut. „Ja, hallo, Günter Wallraff …“ Ein Fernsehsender fragt an, ob Wallraff an einer Talkshow teilnehmen würde, bei der es um das Thema Mindestlohn gehen soll. Mein Blick schweift nach draußen. Hinterhofromantik: überwucherte Ziegelsteinmauern, eine schwarze Katze, die plötzlich vom Dach springt und … Schienen. Eine Schienenspur zieht sich durch den Hinterhof. Ich muss ihn unbedingt fragen, was es mit den Schienen auf sich hat. „Hier bin ich wieder“, reißt mich Günter Wallraff aus meinen Gedanken …
Werden Sie an der Talkshow teilnehmen?
Ich weiß es noch nicht, ich habe momentan sehr viel zu tun. Obwohl ich schon einiges zum Thema Mindestlohn zu sagen hätte. Ich bekomme ständig die Elendsberichte von Menschen, die sich schinden und nicht adäquat dafür entlohnt werden. Das nimmt zu und ist mittlerweile fast schon Normalität. Ich glaube, jede vierte Stelle, die zur Zeit angeboten wird, ist überhaupt noch eine „normale“ Arbeitsstelle. Wir waren bei dem Thema Familie stehen geblieben. Also, ohne meine Frauen, hätte ich das alles nicht so geschafft.
Ich kann mir vorstellen, dass das für die Familie nicht immer einfach war, wenn Sie wieder Mal unterwegs waren. Und ungefährlich war das ja auch nicht immer. Nach der Bild-Zeitung-Geschichte wurden Sie doch auch bedroht oder?
Es war in der Tat ein paar Mal Polizeischutz angesagt. Meine damalige Frau ging da auch eine Zeitlang zu ihren Eltern. Es gab Phasen, da war ein Familienleben einfach nicht möglich, da lebten meine Frau und ich auch getrennt, schon alleine der Kinder wegen.
Kann man sagen, dass ihre Arbeit meistens eine positive Reaktion hervorruft?
In der Regel ja; das muss dann allerdings auch oft erkämpft werden. Das treibt mich weiter an und ist eine Art Genugtuung. Und deswegen lasse ich auch von dieser Arbeit so schnell nicht ab. Im Gegenteil, ich habe noch Einiges vor. Zwischendurch hat man auch Tiefs, wenn man z. B. auf Ignoranz stößt. Im Moment ist es eine riesige Erleichterung, dass zurzeit keine Kampagnen oder Prozesse gegen mich laufen. Ich muss mich nicht mehr ständig rechtfertigen und so kann ich mich umso stärker dem eigentlichen Anliegen widmen.
Sie sagten vorhin, Sie seien mittlerweile anerkannt und akzeptiert. War das mal anders gewesen und können Sie den Punkt ausmachen, ab wann sich das gewandelt hat?
Ich stand über Jahre mit dem Rücken zur Wand. Jede Veröffentlichung löste Prozesse aus, die ich aber alle gewonnen habe. Hätten mir meine Leser diese Prozesse nicht durch die hohen Buchauflagen finanziert, würde ich heute als Lügner dastehen.
Wenn Sie in Ihre Rollen schlüpfen, lernen Sie Menschen und deren soziale Geschichte kennen. Nehmen Sie da nicht immer einen Teil davon mit nach Hause?
Ja, auf jeden Fall.
Und verändert das dann auch Ihre Persönlichkeit bzw. Ihr Bewusstsein?
Ja, das war für mich sogar eine Notwendigkeit gewesen. Ich war in meiner Jugend extrem introvertiert und ein Einzelgänger. Ich bin auf diese Weise zum sozialeren Wesen geworden. Vielleicht habe ich mir dadurch eine Therapie gespart, wer weiß (lacht). Wenn ich länger in einer Rolle drin bin, dann träume ich sogar in der neuen Identität. Ich lebe dann darin.
Kam nicht auch einmal der Punkt, an dem Sie dachten „Das war’s, ich kann nicht mehr weitermachen“?
Doch, natürlich. Nach Dauerschichten von 14 Stunden und schwerster körperlicher Arbeit knickte ich auch schon mal ein, wo es einfach körperlich nicht mehr ging.
Im Zuge Ihres Films „Schwarz auf Weiß“ wurde auch Kritik geäußert, Sie hätten mit der Rolle als Schwarzer Ihre eigenen Klischees bestätigt. Was halten Sie dem entgegen?
Was ich belege ist ja nun tatsächlich passiert. Und diejenigen, die das nicht wahrhaben wollen, kommen dann mit solchen Schein-Argumenten, wie „So sieht doch kein echter Schwarzer aus“. Diese Äußerung ist bereits ein rassistischer Ansatz. Wie hat denn ein echter Schwarzer auszusehen? Wie hat denn ein echter Weißer auszusehen? Als ich in einem Münchner Asylbewerberheim gelebt habe, war ich einer von denen. Die fragten mich „Wo kommst du denn her?“ Ich ließ sie raten und wurde prompt als Somalier eingeschätzt. Der eine sagte zu mir: „Ich habe einen Onkel, der sieht genau so aus wie du“ (lacht). Mein buntes Hemd wurde kritisiert! Wieso darf ich denn als Schwarzer kein buntes Hemd tragen? Man versucht Vorwände zu finden, um das Eigentliche nicht an sich ran zu lassen, ganz nach dem Motto „ Rassismus? Doch nicht bei uns!“ Aber die vielen Zuschriften, von in Deutschland lebenden Schwarzen – mehrheitlich deutsche Staatsbürger – die immer wieder nur über ihre Hautfarbe definiert und häufig diskriminiert werden, haben das alles bestätigt.
Was empfehlen Sie den Verbrauchern allgemein? Worauf sollten sie achten?
Sie sollten alle daran denken, wie und unter welchen Bedingungen die Produkte hergestellt werden. Es gibt heute schon ein hoch entwickeltes Verbraucherbewusstsein, was Hygiene und ökologische Standards angeht. Was allerdings die sozialen Bedingungen betrifft, interessiert noch recht wenige. Es sollte öffentlich gemacht werden, unter welchen Bedingungen manche Produkte hergestellt werden. Ein Bewusstsein hierfür sollte eigentlich schon in den Schulen geschaffen werden. Natürlich kann man niemandem vorwerfen, der nicht genügend finanzielle Mittel hat, dass er billig beim Discounter einkauft.
Sehen Sie da auch die Medien in der Pflicht?
Auf jeden Fall! Aufklärung der Öffentlichkeit ist enorm wichtig.
Findet die überhaupt statt?
Mehr oder weniger. Es passiert zwar schon einiges, doch das reine Quotendenken führt automatisch zur Verflachung. Die wirklich kritischen Fernsehsendungen beispielsweise rutschen immer öfter in die späten Abendstunden. Aber auch Magazinsendungen werden reduziert und gestutzt. Das ist nicht unbedingt das, was einmal im Rundfunkstaatsvertrag festgelegt wurde und was zur Information bzw. Aufklärung der Zuschauer dienen sollte.
Wieder das Telefon. Wieder ein Journalist. „Ich muss nur eben mal meinen Terminkalender holen gehen“ ruft er ins Telefon und schon ist er draußen. Ich bin mit meinen Fragen durch und packe schon mal meine Sachen zusammen. Neugierig schaue ich mir die Bücherstapel an und erkenne „Ganz unten“, mein erstes Wallraff-Buch, das ich gelesen habe, in zig verschiedenen Übersetzungen. „Ich brauche ein großes Bücherregal“ lacht Günter Wallraff, als er wieder zur Tür hereinkommt, „ich weiß schon gar nicht mehr wohin mit den ganzen Büchern. Das ist das Haus meiner Großeltern. Mein Großvater war Klavierbauer; er hat Klaviere repariert und auch selbst welche gebaut. Sehen Sie die Schienen im Hof? Über diese Schienen wurden die angelieferten Klaviere hierher in die Werkstatt gefahren, wo sich mein Großvater ihnen widmete.“ „Ich verstehe“, antworte ich und fühle einen Hauch Ehrfurcht sich in mir ausbreiten.
„Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere“, 2009, KiWi Verlag.
„Schwarz auf Weiß – Eine Reise durch Deutschland “, Dokumentarfilm, Freitag, 18. November, 23.30 Uhr, ARD. Günter Wallraff-Filme auf WDR, am Samstag, 19. November, ab 23.30 Uhr.


