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Das PFALZ-ECHO-Interview: Christoph Maria Herbst

2. November 2011  |  Veröffentlicht in Echolot

„Es war nicht nur schlimm, sondern auch ein klein wenig schön“

von Daniela Trauthwein

-Foto: Veranstalter

Die meisten kennen den Schauspieler Christoph Maria Herbst aus der Kult-Serie „Stromberg“, manche vielleicht sogar aus den Lesetouren zu Tommy Jauds Romanen „Millionär“ und „Vollidiot“, noch niemand kennt ihn allerdings als Buchautor. Damit sich das ändert begibt sich der frischgebackene Autor auf eine Lesetour quer durch die Republik. An 32 Tagen in 32 Städten wird er aus seinem Erstlingswerk „Ein Traum von einem Schiff“ lesen; am 5. November findet auch in Landau eine Lesung statt.

Christoph Maria Herbst war zu Gast auf dem Traumschiff, was sich für ihn schnell als Alptraum erwies. Ein verschollener Koffer, eine Fischvergiftung, ein Zyklon über Bora Bora und öde Langeweile ließen ihm die Kreuzfahrt zum Höllentrip werden. Wären da nicht die E-Mails an Freunde und Familie gewesen, er wäre wohl freiwillig mit dem Schwimmring von Bord gesprungen. Durch die E-Mail-Schreiberei kam die Idee auf, all die Erlebnisse und alltäglichen Beobachtungen in einem Buch festzuhalten und so entstand „Ein Traum von einem Schiff“. Bereits kurz nach Erscheinen, Anfang dieses Jahres, sorgte das Buch für Furore: Eine Frau fühlte sich anhand mancher Äußerungen in dem Buch diffamiert und bewirkte eine einstweilige Verfügung, die eine Schwärzung bestimmter Passagen zur Folge hatte. Daniela Trauthwein sprach mit dem Schauspieler über den Traum bzw. Alptraum (s)einer Kreuzfahrt.
Herr Herbst, warum hatten Sie damals im Büro von Produzent Rademann zugesagt? Hatten Sie etwa zu viel Bier intus?
Christoph Maria Herbst: Sie haben wohl mein Buch gelesen (lacht). Nein, dass ich in meinem Buch geschrieben habe ich wäre sturz betrunken gewesen, war der Unterhaltung geschuldet. So war das natürlich nicht. Die Gründe für meine Zusage sind dennoch im ersten Kapitel zu finden, in dem ich mein „Antrittsgespräch“ mit Rademann beschreibe. Es war ein besonders unangenehmer Winter in Deutschland und es stand einfach mal an, Wolfgang Rademann kennenzulernen. Von seinem Charisma und seiner Überzeugungskraft schreibe ich ja nun sehr viel und die hatte auch mich gepackt. Das Ganze hatte er dann noch getoppt mit diesen Farblaser-Fotokopien, auf denen er mir irgendwelche Stelzen-Bungalows in der Südsee zeigte, in denen ich mit den anderen Kollegen zusammen residieren würde. Er zeigte mir noch andere Ziele in Mittel- und Südamerika und machte mir den Mund damit wässrig, dass wir uns auch die alte Inkastadt Machu Picchu anschauen würden; und und und. Da bin ich dann einfach eingeknickt. Das ist ja auch alles nicht schlimm – in meinem Buch übertreibe ich natürlich ein wenig, weil es ja ein Unterhaltungsroman sein soll. Und so schrieb ich, ich hätte meine Seele verkauft. Das ist natürlich Unsinn. Trotzdem … so schnell fahre ich mit dem Traumschiff nicht noch einmal. So schnell würde ich aber auch nicht wieder engagiert werden (lacht). Insofern sind sich da alle Parteien einig.

Hat Rademann Ihnen die Art und Weise wie Sie ihn dargestellt haben übel genommen?
Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe da unglaublich viel dummes Zeug lesen müssen, dass man über einen so würdigen älteren Herrn, der gleichzeitig noch der erfolgreichste deutsche TV-Produzent ist, doch so nicht schreiben darf. Da halte ich mich  lieber an den Adressaten meines Spotts, nämlich Rademann selber. Die Kapitel die ihn betreffen habe ich ihm selbst vorgelesen, noch in Boxershorts und Hawaiihemd, im Stelzen-Bungalow sitzend, mit Schweißperlen auf der Stirn – natürlich auch vor Aufregung, weil ich ja nicht wissen konnte, wie er reagieren wird. Nur so viel: Er hat sich die Tränen des Lachens und der Rührung aus den Augen gewischt und hat zu mir gesagt: „Christoph, das ist ja ganz wunderbar, was du da schreibst. Du hast mich ja auf Anhieb erkannt. Das ist die Wahrheit, so hat mich noch keiner beschrieben, lass dich drücken.“ Das ist also die Wahrheit. Letztlich setze ich ihm da ja ein Denkmal. Im Übrigen kriegt da kein anderer real existierender Prominenter sein Fett weg. Auch Siegfried Rauch habe ich seine Stellen vorgelesen und alle anderen Personen sind ja fiktive Romanfiguren, die zwar durchaus einen realen Anspruch haben, aber es ging mir nie darum, ein Pamphlet zu schreiben oder alle irgendwie niederzuknüppeln.

Dennoch fühlte sich wohl jemand ordentlich auf den Schlips getreten, Anfang des Jahres, und setzte ein Buchverbot durch …
… eher aufs Füßchen. Im Moment gibt es ja im Handel nur das zensierte Buch. Das Hörbuch ist aber in der ungepiepten Version zu bekommen, das hat die Klägerin einfach vergessen. Ich lade jeden herzlich ein, das Buch zur Hand zu nehmen und sich das Hörbuch von mir vorlesen zu lassen, dann sieht man ja, um wen es da geht. Letztendlich hört man diese Passagen, vergleicht sie mit den geschwärzten Stellen und wird eigentlich nur mit den Schultern zucken und sagen: „Was, deswegen dieses ganze Brimborium?“ Das werden andere genauso wenig verstehen wie ich damals. Das Ganze hat dem Buch dennoch sehr geholfen, die Klägerin hat sozusagen sich selbst einen Bärendienst erwiesen.

War der Aufenthalt auf dem Traumschiff denn wirklich so schlimm oder war es auch ein klein wenig schön?
Ja, selbstverständlich. So könnte ich es auch ausdrücken: „Es war nicht nur schlimm, sondern auch ein klein wenig schön“. Es war allerdings nicht so schön, dass ich da jetzt jedes Jahr dabei sein muss. Ich bin nicht an Bord gegangen um ein Buch zu schreiben, das ergab sich ja tatsächlich erst an Bord. Ich langweilte mich halt sehr. Letztlich schrieb das Buch mich. Ich hatte viele E-Mails geschrieben, an die Familie und Freunde und die haben sich einfach totgelacht und forderten mich auf, mehr zu schreiben. Vieles ist demnach aus E-Mails entstanden, aber mindestens 50 Prozent habe ich mir hinterher fiktiv aus den Rippen geschnitten. Und da beginnt dann meine eigentliche Autorenschaft, nämlich, dass ich mir überlegt habe, wie es denn noch hätte sein können. Ich wollte ja einen lustigen und unterhaltsamen Roman abliefern und keine langweilige Reisereportage. Wenn ich alles so geschrieben hätte, wie es gewesen ist, dann wären mir die Leute eingeschlafen. Daher musste ich da schon dem Affen etwas Zucker geben und habe an manchen Stellen etwas dick aufgetragen.

Wie werden Sie sich auf die bevorstehende Lesetour vorbereiten, die Sie einen Monat lang quer durch die Republik führen wird?
Es sind insgesamt 32 Städte in 32 Tagen – ein richtiger Marathon. Das kommt mir aber sehr entgegen, weil ich solche Herausforderungen mag und ich dann einfach mit einem gleichbleibenden Energiepegel durch Deutschland fahre. Ich fände es weniger spannend oder auch auslaugender, wenn ich zwischen jeder Lesung zwei Tage Pause hätte. So bin ich den kompletten November über hochtourig unterwegs. Das ist ja auch schon meine dritte Lesung, die ich mache …

… ja, aber die erste mit Ihrem eigenen Buch …
… das ist richtig, von daher bin ich da etwas dünnhäutiger, weil, wenn es den Leuten aufgrund des Textes nicht gefällt, dann kann ich mich nicht mehr hinter selbigem verstecken. Da ist dann der Autor in mir gefragt. Ich versuche natürlich als Vorleser die eine oder andere textliche Schwäche noch durch die Vorlesekunst irgendwie zu glätten. Da gibt es ein paar textliche Nullnummern, die nicht so wahnsinnig lustig sind. Da bin ich aber Gott sei Dank geübt und „Rampensau“ genug, dass ich das wieder durch die Performance ausgleichen kann.

Sie sagen, Sie seien bei Ihrem eigenen Buch ein wenig dünnhäutig. Wie gehen Sie mit der Kritik zu Ihrem Buch um?
Das hat mich eher erheitert. Das ist ja toll, denn somit ist das Buch auch im Gespräch. Es gab ja ganz erhitzte Diskussionen darüber. Das Buch hat auf eine Weise polarisiert; das ist natürlich klasse. Insofern habe ich das eigentlich nur lächelnd beobachtet, genauso wie ich lächelnd beobachtet habe, dass ich zwei Tage lang auf der Titelseite einer großen deutschen Boulevardzeitung war. Das habe ich alles mehr aus der Ferne mitbekommen, weil ich zu der Zeit im Ausland war. Das ist auch der Grund, warum ich die Traumschifffolge, in der ich mitgespielt hatte, nie gesehen habe. Und ich kann Ihnen sagen, selbst wenn ich in Deutschland gewesen wäre, hätte ich sie mir nicht angesehen, weil ich sicher bin, dass ich genauso grauenhaft war, wie ich mich schon beim Spielen fand.

Ich gebe Ihnen jetzt ein paar Stichworte, zu denen Sie Ihren Senf geben können …

… Bora Bora:
Kann man hin, muss man aber nicht. Es gibt vergleichbare Ziele, die näher sind; eine Sonnengarantie hat man dort auch nicht. Über uns ging ein fürchterlicher Zyklon hernieder, was ich in meinem Buch ja auch beschreibe. Das war nicht so lustig. Ich würde so schnell da nicht wieder hinfahren, auch weil es Ökofaschismus ist, sich da zig Stunden in mehrere Flieger zu setzen, um da hinzugurken. Wenn ich heirate wird das auf jeden Fall nicht mein Flitterwochenziel sein.

… Oberdeck:
Oberdeck … ja, da kann man am besten runterkotzen, wenn man eine Fischvergiftung hat, die sich ja auch meiner bemächtigt hatte. Nur immer kurz vorher aufs Unterdeck schauen, ob da auch keine Leute stehen. Und, ganz wichtig: immer mit dem Wind erbrechen.

… Kabine:
Kabine klingt klösterlich, klingt nach fließend kaltem und sehr kaltem Wasser – so ist es auch ein bisschen: klein, überschaubar, Air-Condition die man nicht ausmachen kann, man friert viel und kann kein Fenster öffnen. Also, nicht so mein Traum von Urlaubsbehausung, wie das ganze Schiff eigentlich auch.

… Autorenlesung:
Toll, dass ich das noch erleben darf. Ein Hörbuch zu machen, wo links oben in der Ecke steht „Autorenlesung“; da geht einem doch schon mal so im Kleinen einer ab. Bisher durfte ich ja immer nur andere Autoren lesen. Jetzt bin ich in Personalunion Autor und Einleser – toll! Und als solcher jetzt auch durch Deutschland zu fahren ist klasse. Aber keiner muss Angst haben, ich veröffentliche nicht gleich im nächsten Jahr mein nächstes Buch.

Gibt es denn schon neue Projekte, über die Sie sprechen dürfen?
Ja, am 8. November setzen wir die neuste Stromberg-Staffel aufs Gleis. Wir haben zehn Folgen gedreht, da geht es noch mal so richtig zur Sache; das ist schon nicht mehr Comedy, das ist Tragedy. Es wird in der neuen Staffel wieder gestorben, geboren, gemobbt und verraten – alles, was Menschen so tun. Momentan drehe ich gerade einen Kinofilm im Frankfurter Raum: „Das Haus der Krokodile“, ein Familienthriller. Mit Annette Frier und Ruth Maria Kubitschek habe ich einen Neunzigminüter für SAT1 abgedreht. Doch jetzt freue ich mich erst einmal mit voller Energie auf meine Lesetour …

… mit der Sie auch in Landau Station machen werden. Waren Sie schon einmal in unserer Region?
Nein, das ist eigentlich der Grund, warum ich diese Lesetour auch mache, damit ich endlich auch einmal in Ecken Deutschlands komme, wo es mich vielleicht sonst nie hinverschlagen würde. Deshalb freue ich mich total auf für mich so unbekannte Flecken wie Landau oder Lüneburg oder so. Vor allem bin ich gespannt auf diese Jugendstil-Festhalle, die ja eine besonders schöne Location sein soll. Auch auf die dortige Mentalität freue ich mich und bin gespannt, wie die sich unterscheidet von den anderen Mentalitäten in Deutschland und wo sich der Landauer am Ende platzieren lässt, was das Lacho- und Applausometer anbelangt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Christoph Maria Herbst,
„Ein Traum von einem Schiff“, Samstag, 5. November,
Landau, Jugendstilfesthalle.
Tickets: bei RTS, Fish‘n‘Jam,
unter 0621-101011, oder unter www.roth-friends.de.

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